Predigt von Pfarrer Daigeler zum Fest der Heiligen Familie A
Download Audiodatei der Predigt
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, wenn Sie etwas Besonderes erleben, möchten Sie vermutlich das Erlebte mit anderen teilen. Heute ist das Smartphone eine verbreitete Mitteilungsmöglichkeit. Von einer Urlaubsreise, von einem guten Essen, von einer Begegnung machen viele ein Foto und schicken es an andere. Ein gewisser Einblick in das Erlebte wird auf diese Weise gewährt. Manche machen sich auch die Mühe einen Text hinzuzufügen oder sie erzählen beim nächsten Treffen, was sie erlebt haben.
Die Mitteilung ist immer nur möglich mit dem Wortschatz und den Bildern, die uns zur Verfügung stehen. Das gelingt manchmal leichter, wenn beispielsweise mein Gegenüber schon einmal eine ähnliche Erfahrung gemacht hat. Manchmal ist es schwierig zu vermitteln, warum dieses Ereignis mich beeindruckt oder begeistert hat. Vielleicht ist es Ihnen auch schon so ergangen.
Nun ist die gesamte Heilige Schrift die Mitteilung von überwältigenden Ereignissen. Menschen berichten uns, wie sie Gottes Wirken erfahren haben. Und sie können das nur tun in der Sprache und in den Bildern, die eben ihnen zur Verfügung stehen. Die Heilige Schrift ist „Gottes Wort in Menschenwort“. Gewiss hat der Heilige Geist die biblischen Autoren unterstützt bei ihrem Werk. Und doch ist es menschliche Sprache, damit wir es verstehen.
Am Fest der Heiligen Familie hören wir zwei Lesungen, die von bestimmten Familienbildern ausgehen. Ich will kurz versuchen, das eingangs Gesagte daran zu verdeutlichen. Zunächst einmal dürfen wir uns darüber freuen, dass die Bibel kein „Einheitsbuch“ ist. Die Bibel ist eine Sammlung verschiedener Bücher und Autoren, die uns aus verschiedenen Blickwinkeln die eine Botschaft zu vermitteln suchen. Das ist überaus wertvoll, weil der eine oder andere von uns mehr von dieser oder von jener Sprache angesprochen wird.
Natürlich sind die Propheten und Apostel Kinder ihrer Zeiten. So wie wir es auch sind. Für Jesus Sirach wie für Paulus ist ein bestimmtes Familienbild einleuchtend, z.B., dass es da eine klare Hierarchie gibt. Der Vater ist – zumindest von außen betrachtet – das Oberhaupt der Familie, die Kinder haben den Eltern zu gehorchen… Diese Worte werden unterschiedliche Wirkung erzielen bei den Teilnehmern des Gottesdienstes heute. Das ist legitim. Und doch dürfen wir nicht beim „Gehäuse“ stehenbleiben.
Denn es geht hier um Haltungen. Das Alte Testament benennt eine wichtige Haltung: die Dankbarkeit. Ganz konkret wird dort unterstrichen: Die Dankbarkeit gegenüber den Eltern wird einem selbst zum Segen. Nicht weil Eltern immer alles richtig machen, sondern schlicht weil keiner von uns auf dieser Welt wäre ohne seine Eltern. Keiner kann seinen Weg alleine in dieses Leben schaffen, immer verdanken wir Vieles anderen, ganz besonders den Eltern. Darum gilt: „Wer den Vater ehrt, sühnt Sünden, und wer die Mutter ehrt, sammelt Schätze.“
Hier können vermutlich mehr Zuhörer mitgehen, als bei der Lesung aus dem Kolosserbrief. „Ihr Frauen ordnet euch den Männern unter“, hieß es dort. Das würde heute kaum einer schreiben in unserem Teil der Welt. Wir merken zunächst, dass keine christliche „Sonderregel“ für das Familienbild gegeben ist. Auch Jesus zitiert, wenn er über die Ehe spricht, die Schöpfungsgeschichte. Ein Zueinander und Voneinander ist in der Schöpfung angelegt. Mann und Frau brauchen einander, Kinder brauchen ihre Eltern. Das Neue, das Paulus betont, ist nicht der zitierte Satz. Es ist vielmehr die Liebe. Alle sollen einander lieben, einander „ertragen“ und vergeben, sagt der Apostel.
Wir sind in unseren Lebensformen von unterschiedlichen Einflüssen unserer Zeit geprägt. Das ist schlicht ein Faktum. Gleichzeitig ist Familie gefährdet. Wir hören das im Evangelium, in dem die Heilige Familie nach Ägypten fliehen muss. Immer gibt es Bedrohungen für das Familienleben von außen – etwa durch politische und ideologische Einflüsse heute – und mehr noch von innen – etwa durch Mangel an Vergebungsbereitschaft und Liebe.
In der Weihnachtszeit schauen wir auf die Heilige Familie, weil sie zu ihrer Zeit diese Herausforderung zu bestehen hatte. Keine heile Welt! Und doch zeigen uns Maria und Josef den Weg. Sie stehen zueinander und sie nehmen das Kind an. Beides ist nicht leicht, es ist herausfordernd. Doch die Dankbarkeit für Gottes Gaben, die Bereitschaft einander anzunehmen und zu ertragen, die „Güte, Demut, Milde und Geduld“ ermöglichen erst das wahre Leben. Denn hier ist die Heilige Schrift eindeutig: Wo wir Gott in unsere Familie aufnehmen, dort kehrt Friede ein. Amen.
28.12.2025, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler




