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Predigt von Pfarrer Daigeler zum Gründonnerstag

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Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, zur Feier des Gründonnerstags gehört der Blick in den Abendmahlssaal: Jesus wäscht seinen Jüngern die Füßen, wie wir es eben im Evangelium hörten. Er beauftragt sie damit in seinem Namen zu handeln, seine Kirche zu leiten – doch eben auch in seiner Weise, also in der Form des Dienens, der Ganz-Hingabe, der Liebe. Ebenso richtet dieser Abend unseren Blick auf die Eucharistie, auf das Sakrament des Leibes und Blutes Christi, das Jesus beim Mahl den Aposteln reicht: „Das ist mein Leib. Das ist mein Blut“, sagt er.

An dieses Geschehen erinnert ein kurzer Abschnitt aus dem Korintherbrief, den wir als Zweite Lesung hören konnten. Diese Worte des Paulus sprechen über die Feier der Eucharistie, also der Heiligen Messe, in der Gemeinde von Korinth. Dort gibt es Streit und Uneinigkeit über die Form dieser Feier. Darauf geht der Apostel ein. Und seine Weisung führt ein bleibend gültiges Argument an: „Vor allem habe ich euch überliefert / weitergegeben, was ich selbst vom Herrn empfangen habe“.

Für diese Weitergabe haben wir ein Fremdwort aus der lateinischen Sprache. Es lautet „Tradition“. Sie ist unverzichtbar für das rechte Verständnis des Glaubens und der Kirche. Das müssen wir begründet auf den heiligen Paulus zunächst festhalten.

Freilich müssen wir genauer hinschauen. Wer „Tradition“ hört, wird vielleicht an Brauchtum oder Gepflogenheiten denken – im Sinne von: „Das haben wir schon immer so gemacht, darum machen wir es weiter so…“ Doch darum geht es nicht.

Gewiss haben unsere Gottesdienste überlieferte Rituale. Es ist kostbar, dass wir sie nicht jedes Mal neu erfinden müssen. Das Ritual schenkt Beheimatung, weil wir mit der Form vertraut sind und eben darum mitfeiern und uns beteiligen können. Dieser Wiedererkennungswert fällt uns am deutlichsten auf, wenn wir eine katholische Messe in einem anderen Land oder in einer anderen Sprache mitfeiern. Wir erkennen die vertraute Form und sind Beteiligte, echte Mitfeiernde, selbst wenn wir nicht jedes Wort verstehen.

Aber „Tradition“ im theologischen Sinn meint etwas Umfassenderes. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht den Glauben noch die Kirche selbst erfunden haben, auch nicht die Menschen vor uns, nicht einmal die Apostel. Der Glaube kommt aus dem Angesprochensein durch Gott. Gott hat Menschen angesprochen, er hat ihnen sein Wort anvertraut. Darum ist ja die Bibel Gottes Wort im Menschenwort. Und Gott hat sich gezeigt unüberbietbar in seinem Sohn Jesus. Er hat uns mit Gott bekannt gemacht. Jesus hat uns gezeigt, wie Gott ist und wer Gott ist. Die Apostel und nach ihnen alle Amtsträger in der Kirche sind nur Treuhänder dessen, sind Zeugen einer anvertrauten Botschaft, eines anvertrauten Gutes. Wie es der Herr sagt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“.

Es kann nie um eine Neuerfindung des Glaubens oder der Kirche gehen. Diese Projekte werden schnell veralten und überflüssig werden. Es geht um die Weitergabe des Empfangenen, weil wir wissen, dass in der Gabe des Herrn bereits alles enthalten ist. Am deutlichsten wird das in der Eucharistie. Sie ist die Gabe des Herrn, sie ist der Herr selbst: der ganze Christus, mit Fleisch und Blut, mit Leib und Seele. Mehr gibt es nicht. Darum ist sie das höchste Gut der Kirche. Darum lebt die Kirche aus dieser Gabe der Eucharistie.

Unsere Aufgabe ist es, uns diese Gabe anzueignen. Sein Wort zu durchdringen, damit wir es tiefer verstehen. Seinen Leib zu empfangen, damit wir aus der Gemeinschaft mit dem Herrn leben. Das geschieht in der Haltung, die der Feier ihren alten Namen gibt: Eucharistie. Das heißt „Danksagung“. Indem wir dem Herrn danken, dass er da ist, dass er uns den Weg weist, dass der uns zeitliches und ewiges Leben schenkt, kommt er leibhaft zu uns.

Ja, wir sind Empfangende, weil man Liebe nicht machen oder erzwingen kann. Nur empfangen oder schenken kann man sie. Diese Wahrheit leuchtet heute besonders deutlich aus dem Abendmahlssaal in unser Leben. Das Opfer Jesu lässt uns leben. Und gleichzeitig soll sein Opfer auch unser Opfer werden. Indem wir uns selbst ganz hineingeben, leben wir und die ganze Kirche aus der Gabe des Herrn. Amen.

06.04.2023, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler

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