Predigt von Pfarrer Daigeler zum 2. Sonntag im Jahreskreis A
Download Audiodatei der Predigt
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, wir hören Bibeltexte oder die Gebetstexte der Messe mit anderen Ohren als die Menschen vor 100 Jahren oder gar zur Zeit Jesu. In jeder Heiligen Messe hören wir einen Satz aus dem heutigen Evangelium: „Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt“. Der Priester spricht die Worte, während er den Leib Christi zeigt als Einladung zur heiligen Kommunion.
Wir haben den Satz oft gehört und davor „Agnus Dei“ – „Lamm Gottes“. Was bedeuten sie? Wer ein Lamm sieht, der ist angerührt. Das junge Alter, die weiße Farbe, die Zartheit – all das verbinden wir mit Unschuld. Dafür braucht es keine zusätzliche Erklärung. Umso deutlicher ist der Gegensatz zur „Sünde der Welt“, die offenbar diesem Tier aufgeladen werden soll. Unsere Zeit kennt keine Tieropfer mehr. Zu der Zeit, als Johannes diese Worte spricht, war das anders. Seine Zuhörer wissen wir um das kultische Geschehen im Jerusalemer Tempel, wo am Paschafest Lämmer als Dankopfer geschlachtet werden.
Uns irritiert vermutlich diese Handlung. Sie wurde im Christentum nicht übernommen. Dennoch benennt sie eine Wirklichkeit, die wir nicht einfach beiseiteschieben können. Zum einen wird hier ausgesprochen: Ich verdanke Gott etwas. Wir alle verdanken Gott nicht nur etwas, sondern überhaupt unser Leben. Dafür schulden wir ihm Dank. Wie kann man Dank ausdrücken? Wir sagen „Danke“, so tun wir es ja in unseren Gebeten und Liedern. Gleichzeitig kennen wir bis heute den Brauch, Menschen ein Geschenk zu machen, um unseren Dank für eine erfahrene Unterstützung auszudrücken. Nichts anderes ist im Grunde dieses Opfer des Paschalammes. Man wollte Gott ein – durchaus wertvolles – Geschenk machen.
Die andere Seite der rituellen Opferhandlung ist das, was Theologen „Sühne“ nennen. Das Wort ist heute wenig im Gebrauch. Was ist gemeint? Es geht auch hier – wie beim Dankopfer – um die äußere Ausdrucksform einer inneren Haltung oder Erkenntnis. Was bedeutet das in diesem Fall? Wir machen nicht alles richtig. Schuld und Sünde sind Realitäten. Und sie entstehen aus konkreten Handlungen. Ich lüge, ich dränge mich vor, ich bin unbeherrscht, ich sage ein böses Wort… Diese Handlung hat Folgen. Sie verletzt andere, sie zerstört Vertrauen, sie macht traurig andere Menschen und, ja, auch Gott. Diese Folge meiner Sünde aus der Welt zu schaffen, bedarf es wiederum konkreten Handelns. Ich muss mich entschuldigen… Das ist zuallererst eine Herzenshandlung. Es wird mit Worten ausgedrückt. Und dennoch haben wir ein natürliches Empfinden, dass wir diese Wiedergutmachung greifbar ausdrücken möchten. In diesem Sinne war das Opferlamm in den Tempeln der Antike gar nicht sonderlich.
Nun müssen wir nach diesem langen Hinweg aber doch auf das Wesentliche schauen. Die Realität der Dankbarkeit und der Sühne als Aufgabe des Geschöpfes gegenüber seinem Schöpfer besteht, doch das entscheidend Christliche besteht in dem Bekenntnis, dass Christus selbst an unserer Stelle dieses Dank- und Sühnopfer gebracht hat. Er hat sich selbst verschenkt, er hat sich geopfert am Kreuz für uns. Er ist das „Lamm Gottes“, selbst schuldlos, und hat die Sünden der Welt auf sich laden lassen. Und weil er „der Sohn Gottes“ ist, wie es Johannes bekennt, ist dieses Zeichen der Versöhnung und Dankbarkeit – unüberbietbar, für alle Zeiten und für alle Menschen. „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde“, sagt der Herr.
In jeder Heiligen Messe erinnern wir uns an dieses Geschenk. Mehr noch, wir werden tatsächlich hineingenommen, denn die Messe ist das Kreuzesopfer Christi, das in unsere Gegenwart dringt. Darum ist sie so kostbar. Darum rufen auch wir: „Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt, erbarme dich unser“. Wer das versteht und glaubt, der wird selbst verwandelt. Erst in der Haltung der Dankbarkeit und im Wissen um meine Vergebungsbedürftigkeit empfange ich die Frucht der Erlösung würdig. Die heilige Kommunion ist ganz und gar Geschenk. Zugleich ist sie Auftrag, sich ganz und gar von der Haltung Jesu prägen zu lassen. Amen.
18.01.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler




