Predigt von Pfarrer Daigeler zum 2. Fastensonntag A
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Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, oft schwanken wir zwischen gegensätzlichen Wünschen hin und her, ohne das vielleicht immer zu reflektieren. Zum einen wird über die „Zustände“ geklagt, dass doch alles immer schlechter und unsicherer würde. So kann es doch nicht bleiben. Warum macht „die Politik“ da nichts? Zum anderen prägt uns, wenn es dann um konkrete Veränderungen unserer Lebensgewohnheiten geht, die Haltung: Alles soll so bleiben, wie es ist.
Man könnte das an mehreren gesellschaftlichen Beispielen durchbuchstabieren. Ich habe zum Beispiel unlängst im Radio von einer Umfrage gehört. Die Befragten haben sich in großer Mehrheit dafür ausgesprochen, dass man das Rentensystem reformieren müsse. Aber sämtliche konkreten Vorschläge, dass man beispielsweise länger arbeiten müsse o.ä., wurden mehrheitlich abgelehnt. Und Ähnliches kann man auch in der Kirche beobachten. So sagte eine engagierte Frau in einer Kirchengemeinde unseres Raums sinngemäß: Es ist doch klar, dass man mit weniger Priestern nicht dieselbe Anzahl von Messfeiern anbieten kann. Wenn es dann aber um konkrete Veränderungen von Gottesdiensten in ihrem Wohnort geht, dann ist das nicht zumutbar.
In unterschiedlichen Graden kennt jeder von uns diese Spannung in sich. Auch die Lesungen dieses Zweiten Fastensonntags sprechen davon. Wir hörten im Evangelium von der Sehnsucht, „Hütten zu bauen“ auf dem Berg Tabor, also den schönen Augenblick, den Blick in den Himmel festzuhalten. Gleichzeitig sprach die Erste Lesung vom Auftrag an Abram, aus seinem Land fortzuziehen. Nur wenn er aufbricht in das neue, unbekannte Land wird ihm der Segen Gottes zuteil und er selbst zum Segen.
Gerade in einer Zeit, in der uns viele einfache oder einseitige Antworten angepriesen werden, schätze ich diesen realistischen Blick der Bibel. Die Heilige Schrift zeigt uns den Menschen, wie er nun einmal ist – mit seinen Stärken und Schwächen, mit Gelingen und Scheitern. Wer möchte nicht – wie Petrus – eine besonders schöne Begegnung, ein gelungenes Fest, einen eindrucksvollen Ausflug festhalten und fortsetzen? Gleichzeitig wissen, dass wir vom Tabor immer wieder hinabsteigen müssen in den Alltag. Es gehört zur Ordnung dieser Welt, dass es sechs Werktage und nur einen Sonntag gibt. Und so sehr man sich manchmal etwas anderes wünschen würde, ich weiß nicht, ob das gesund wäre für den Leib und vor allem für die Seele. Ein Leben ohne Aufgaben führt zu Überdruss. Anstatt mitanzupacken, droht man dann zum satten Kritiker zu werden. Der heilige Paulus geht in der Zweiten Lesung sogar so weit, seinen Schüler aufzufordern, mit ihm für die gute Sache „zu leiden“.
Wir können die Spannung nicht in die eine oder andere Richtung auflösen, ohne dass es schief würde. Darum erinnert uns die Fastenzeit daran, unser Leben auf den Prüfstand zu stellen. Wie steht es um die gute Ordnung in meinem Leben, um die Balance zwischen Arbeit und Freizeit? Da kann es in beide Richtungen Schieflagen geben.
Wie steht es um meine Bereitschaft, „für das Evangelium zu leiden“, mich also konkret einzubringen für das kirchliche Leben? Ich denke heute an die Frauen und Männer, die in Gemeindeteams und Pfarrgemeinderäten ihre Zeit und Kraft zur Verfügung stellen.
Wie steht es um die gute Ordnung des Sonntags als Tag der Ruhe und Tag für den Gottesdienst, damit wir von der Taborstunde der Messe wieder in die Woche gehen können? Vielleicht nehmen wir diese Fragen mit in die zweite Fastenwoche, damit die Gewissheit in uns wächst, um die wir im Lied bitten: „Dann geh mit uns vom Berg hinab ins Tal der Alltagssorgen und sei uns Weg und Wanderstab durchs Kreuz zum Ostermorgen.“ (Gotteslob, Nr. 363) Amen.
01.03.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler




