Predigt von Pfarrer Daigeler zum Palmsonntag A
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Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, obwohl der Palmsonntag so fröhlich und feierlich beginnt – mit der Prozession, den Palmzweigen und der Musik, mündet er direkt in die Leidensgeschichte Jesu. Wer die vier Evangelien liest, dem wird auffallen, dass die Darstellung der Passion darin den größten Umfang an Text einnimmt.
Auf den ersten Blick mag das verwundern. Warum stellt man das Scheitern des Messias und seiner Jünger so ausführlich und so offen dar? Es werden uns große Sprüche der Apostel überliefert, die Jesus die Treue schwören und dann am Ölberg zuerst einschlafen und danach davonlaufen. Es wird benannt wie Petrus, der Erste im Kreis der Zwölf, der Fels, leugnet, Jesus überhaupt zu kennen. Wir hörten vom Geschrei und vom Tumult der Menge, die zur Verurteilung eines Unschuldigen führen. Auch die Feigheit des Pilatus, der aus politischer Taktik Jesus hinrichten lässt, wird benannt. Und auch die Grausamkeit der Folter, die Häme und Spott von Soldaten und Gaffern und schließlich das bittere Sterben des Christus wird nicht verschwiegen. Hätte man das nicht kürzer oder sogar geschönter darstellen können, so wie heute die Fotos in Zeitungen und auf social media stets durch einen Filter laufen, der Falten und Runzeln tilgt?
Ich hatte in dieser Woche ein Gespräch mit ehrenamtlich Engagierten. Dabei ging es um die Sorge, wie es weitergeht mit unserer Kirche. Was sollen wir tun, wenn wir weniger Gläubige, Priester und Ehrenamtliche haben? Wir haben keine einfache Antwort gefunden. Und ich glaube auch nicht, dass es ein „Rezept“ geben könnte. Aber was hat das mit dem Palmsonntag zu tun?
Um das zu beantworten, würde ich zunächst eine weitere Frage stellen. Weshalb mutet uns die Kirche Jahr für Jahr am Palmsonntag und noch einmal am Karfreitag die Passion Christi zu? Er muss doch einen Grund haben, weshalb die Evangelisten die Leidensgeschichte in eben dieser Weise und Ausführlichkeit überliefert haben. Und es muss vor allem einen Grund haben, weshalb der Gottes Sohn diesen und keinen anderen, bequemeren oder angeseheneren Weg gegangen ist.
Ich glaube, es liegt daran, dass es Zumutungen in jedem Leben gibt, denen man nicht ausweichen kann, die es durchzuhalten und durchzutragen gilt. Das gilt für Stunden der Krankheit oder Einsamkeit, das gilt für Herausforderung in der Partnerschaft und in der Familie und das gilt auch für das Leben der Kirche, die Christus gegründet hat. Es gibt kein Leben ohne Leiden. Es gibt keinen Weg ohne Scheitern. Aber es gibt einen, der uns untrüglich zeigt, wie wir all das bestehen können: Jesus Christus. Er ist der Weg, er zeigt uns den Weg, nämlich die Treue des Kreuztragens. Einzig sie ist der Weg, der aus dem Scheitern, aus dem Leiden und der Enttäuschung herausführt. Der Weg nach Ostern geht über das Kreuz.
Auch seiner Kirche erspart der Herr nicht Erniedrigung und Spott, nicht das Davonlaufen der Anhänger, nicht das Sterben vieler liebgewordener Dinge. Das ist hart, aber es nicht hoffnungslos. Vielmehr sagt uns Jesus: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Einen anderen Plan haben wir nicht, einen besseren gibt es nicht. Denn wir wissen: Der Herr selbst ist uns den Kreuzweg vorangegangen, der Heiland geht mit uns auf dem Weg und am Ende des Weges steht nicht der Untergang, sondern der Ostersieg. Amen.
29.03.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler




