Predigt von Pfarrer Daigeler zum 5. Fastensonntag A
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Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, liebe Kommunionkinder, ein neugeborenes Kind sieht noch nicht viel. Tag und Nacht kann es schon im Mutterleib unterscheiden. Die ersten Wochen auf der Welt sieht es nur schwarz-weiß, vielleicht nur Umrisse. Verlässlicher ist sein Gehör. Es hört zum Beispiel die Stimme der Mutter. Die kennt es bereits aus der Zeit, die es unter dem Herzen der Mutter lebte. Das Kind kann den Klang dieser Stimme von allen anderen unterscheiden.
Umso verständlicher ist es, dass das Neugeborene in allen Unsicherheiten nach der Mutter ruft – sei das Hunger oder Müdigkeit, sei das eine volle Windel oder sei es die ernste Sorge, allein gelassen zu sein. Die Stimme der Mutter signalisiert: Da ist jemand da. Ich bin nicht allein. Darum gibt sie Sicherheit.
Und wir wissen vielleicht aus unserer Erfahrung, dass auch am anderen Ende des Lebens Kranke oder Sterbende nach lieben Menschen rufen – mit Worten oder Gesten.
Ohne dass wir das reflektieren würde, sagt mir dieses Angesprochensein durch den anderen nicht nur, dass er oder sie da ist. Wenn ich den anderen höre, weiß ich auch, dass ich lebe, dass ich da bin. Das mag Sie vielleicht wundern: Ist das nicht selbstverständlich? Aber ist das so? Die Welt um mich herum und besonders die Menschen, die mir vertraut sind, geben mir die Sicherheit: Ich bin noch nicht weggedämmert. Ich bin da. Und es ist gut, dass ich da bin. Es gibt vielleicht ein Existieren oder Vegetieren ohne diese Erfahrung. Aber für das gute und echte Leben brauche ich ein „Du“, brauche ich das Angesprochen- und Gewolltsein.
Vielleicht betont deshalb die Heilige Schrift an so vielen Stellen, dass Gott „spricht“. Schon der Hymnus auf die Erschaffung der Welt singt refrainhaft: „Gott sprach und es ward“. So hörten wir auch heute aus dem Buch Ezechiel: „So spricht GOTT, der Herr“. Und dieses Wort bedeutet Leben. Der Prophet Ezechiel drückt das mit einem kraftvollen Bild aus: „Ich hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern“. Auch der Evangelist Johannes überliefert uns einen machtvollen Ruf Jesu am Grab des Lazarus. Jesus ruft den Freund bei seinem Namen: „Lazarus, komm heraus.“ Und dieser Ruf bedeutet Leben.
Von den ersten Tagen, die uns auf dieser Welt geschenkt sind, bis zu unserem letzten Atemzug rufen wir nach Leben. Und wir wollen nicht nur existieren, wir wollen gut leben, in Fülle leben – ewig leben. Der naheliegendste Adressat für diese Sehnsucht sind die Menschen, die uns lieb und vertraut sind – beginnend mit der Mutter, dem Vater, den Verwandten und Freunden. Das ist gut und richtig. Wie sollten wir das Leben meistern, ohne dass andere uns helfen, ohne dass wir einander beistehen?
Es gehört aber auch zur Wahrheit, dass es einen letzten Schritt gibt, ein Tor, das wir nur allein durchschreiten können. Jesus deutet das an, indem er die menschliche Freundschaft, die ja mit Lazarus und seinen Schwestern bestand, nicht zum Vorwand nimmt, um das Sterben des Lazarus zu verhindern. Einmal müssen wir jede Hand auf dieser Welt loslassen, einmal hören wir keine vertraute Stimme lieber Menschen mehr.
Umso mehr unterstreicht der heilige Paulus – so heute im Römerbrief – dass Jesus unseren Tod gestorben ist. Er hat nicht die vorletzte „Abzweigung“ genommen und die Bitterkeit umgangen. Nein, alles hat der Gottessohn mit uns geteilt. So hat er alles berührt. Und diese Berührung hat alles verändert. Jesus ist das Wort Gottes, das bis in die Dunkelheit des Todes gedrungen ist. Durch den Tod und die Auferstehung Jesu wissen wir: Selbst in der tiefsten Einsamkeit wird uns seine Stimme erreichen. Und wenn wir seine Stimme hören, wissen wir, dass wir leben.
Glauben wir ihm! Das ist unsere Sicherheit. Bleiben wir vertraut mit seiner Stimme durch unser Gebet und unseren Gottesdienst. Jesus ist Auferstehung und Leben. Amen.
22.03.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler




