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Predigt von Pfarrer Daigeler zu Pfingsten

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Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, „du verstehst mich“. Mit diesem kurzen Satz drücken wir nicht nur eine sprachliche Herausforderung aus, wenn etwa zwei Menschen unterschiedliche Muttersprachen haben. Verstehen ist etwas Umfassenderes. Dazu gehört nicht nur die Kenntnis von Worten, es gehört auch das Interesse am anderen dazu, Wohlwollen, Sympathie, ja die Absicht, den anderen überhaupt verstehen zu wollen. Sonst reden Menschen oft aneinander vorbei.

Auf den ersten Seiten der Bibel geht es um grundlegende Fragen nach dem Warum. Warum gibt es die Welt und den Menschen? Warum gibt es Gut und Böse? Und auch, warum sind Menschen unterschiedlich und verstehen sich manchmal nicht? Die Erzählung vom Turmbau zu Babel geht dieser Frage nach. Wer die Geschichte liest, hört, dass hier Menschen „sich einen Namen machen“ wollen. Sie wollen sich und ihrer eigenen Bedeutsamkeit mit dem Turm ein Denkmal setzen. Das führt zur Konkurrenz, die sich in einer Sprachverwirrung äußert. Die Menschen, die einander bis dahin verstanden hatten, verstehen sich nun nicht mehr. Und daran scheitert das gesamte Projekt.

Die Erste Lesung, die wir am Pfingstfest hören, ist gewissermaßen eine Entgegnung dazu. Auch hier ist von unterschiedlichen Menschen die Rede. Sie sprechen verschiedene Sprachen, einige zählt die Apostelgeschichte namentlich auf. Doch plötzlich kommt es dazu, dass alle Menschen – Fremde wie Einheimische – die Worte der Apostel verstehen. Sie verstehen nicht nur ihre Worte. Sie verstehen, was sie in den Herzen der Zuhörer bewegen wollen. Anders ausgedrückt, sie glauben ihnen.

Die Zweite Lesung nennt uns die Ursache dafür. Sie werden vermutlich schon antworten können: Das war der Heilige Geist. Das stimmt. Der heilige Paulus präzisiert das aber noch etwas. Während in Babel sich die Menschen selbst in die höchsten Höhen erheben wollten, bewirkt der Geist, dass wir bekennen: „Jesus ist der Herr!“ Und wo Menschen das bekennen, verstehen sie einander. Sie verstehen, dass sie alle zu einer Familie gehören, zur Familie Gottes, zur Kirche. Darum ist Pfingsten in gewisser Weise das Geburtsfest unserer Kirche. „Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen“, schreibt der Apostel.

Das ist ein großes Geschenk. Bei aller Unterschiedlichkeit, die wir mit uns bringen: Männer und Frauen, Junge und Alte, verschiedene Berufe und Lebensformen… Der Geist Gottes führt uns zusammen zu der einen Kirche Christi. Und das Fundament dieser Einheit ist das eine Bekenntnis: Jesus ist der Herr! Er ist der Sohn Gottes. Er ist für uns gestorben und er ist auferstanden von den Toten, wie uns die Jünger im Evangelium bezeugen. In ihm finden wir die Vergebung unserer Sünden.

Heute wird viel geklagt über Spaltungen in der Gesellschaft, über ein wachsendes Gegeneinander, darüber, dass Menschen nicht mehr miteinander reden und einander nicht mehr verstehen. Umso wichtiger ist das Gebet um den Heiligen Geist, der uns Verstehen lehrt, der uns zusammenführt. Und das ist nicht nur eine Theorie. In unserer weltweiten Kirche wird es konkret. Bei aller Unterschiedlichkeit haben wir im Gottesdienst unserer Kirche eine gemeinsame Form, wie wir beten. Darum ist die kirchliche Ordnung so wichtig, darum sind die Weisungen der Kirche meinen privaten Frömmigkeitsformen vorzuziehen. Und im Mitleben und Mitarbeiten in der Kirche wird uns konkrete Gemeinschaft geschenkt. Darum ist es so wichtig, dass wir aufeinander zugehen und achten in unserer Gemeinde, dass wir sehen, wo einer krank oder in Not ist. Damit er oder sie sagen kann: „Du verstehst mich“. Dann ist der Heilige Geist gar nichts „Theoretisches“, sondern ganz konkret fassbar. Amen.

24.05.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler

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