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Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Würzburg,

„Dein Angesicht, Herr, will ich suchen“ (Psalm 27,8) – Dieses Wort aus Psalm 27 habe ich als Motto über das Jahr 2013 in unserer Diözese gestellt. Daraus spricht die tiefe Glaubenserfahrung eines Menschen, die uns Mut und Hoffnung schenken kann für unseren Weg als Christen in unserer problembeladenen Zeit und in den konkreten Anforderungen an die Kirche von heute.

Zugleich ist dieses Psalmzitat aber auch das Abschlusswort der letzten Predigt von Julius Kardinal Döpfner, an dessen 100. Geburtstag wir in diesem Jahr dankbar erinnern. Es stammt aus einem Wort zum Sonntag, das Kardinal Döpfner am Tag vor seinem plötzlichen Herztod (+ 24. Juli 1976) im Bayerischen Rundfunk aufgenommen hat. Es ist wie ein Vermächtnis dieses fränkischen Bischofs.

Julius Döpfner, geboren am 26. August 1913 in Hausen bei Bad Kissingen wird nach Studium, Priesterweihe und Promotion in Rom Kaplan, dann Präfekt am Würzburger Kilianeum und schließlich Subregens am Priesterseminar. Am 11. August 1948 wird er mit 35 Jahren zum 85. Bischof von Würzburg ernannt und am 14. Oktober 1948 im Würzburger Neumünster zum Bischof geweiht. Mit großem Einsatz setzt er sich für den Wohnungsbau in der zerstörten Stadt ein. 1957 folgt seine Ernennung zum Bischof im zerstörten Berlin, an der empfindlichen Nahtstelle zwischen Ost und West. Der Wechsel aus der fränkischen Heimat fällt ihm sehr schwer. 1958 erhält er von Papst Johannes XXIII. die Kardinalswürde. Schließlich folgt er noch einmal schweren Herzens 1961 der Berufung zum Erzbischof von München-Freising. Beim 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) ist er einer der vier Moderatoren und hat großen Anteil am Zustandekommen der großen, wegweisenden Konzilsdokumente.

1965 wird er Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Schließlich ist er Präsident der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland in Würzburg (1971-1975). Sein plötzlicher Tod 1976 erschütterte viele Menschen in Deutschland.

Die Kirche von Würzburg, die Kirche in Deutschland, ja die gesamte katholische Weltkirche hat ihm vieles zu danken. Dabei war er kein einfacher und vordergründig offener Mensch; er war kantig, ja manchmal auch schroff und sogar aufbrausend. Das werden vielleicht manche Ältere von ihnen, noch aus eigener Erfahrung bestätigen können. Und doch war er von großer Herzlichkeit und Lauterkeit. Ein Mensch, der sich zu eigenen Fehlern bekannte, der sich auf die schwierigen Veränderungen seines Lebens eingelassen hat und an ihnen lernen, reifen und wachsen konnte.

Hierin wurzelt schon die tiefe Erkenntnis Döpfners, die vor allem in seiner Aufgabe als Moderator auf dem 2. Vatikanischen Konzil, mit dem Dekret über die Ökumene, der Erklärung über das Verhältnis zu den nicht-christlichen Religionen und der Pastoralkonstitution, deutlich hervortrat: Leben und Kirche entwickeln sich nur im Miteinander!

Wir sind in einer gemeinsamen Suche nach neuen Antworten des Glaubens für unsere Zeit. Wir sind ein Leben lang Menschen, die Gottes Antlitz suchen in den Herausforderungen unserer Zeit und im Blick auf die Menschen, die mit uns leben. Kardinal Döpfner gehört auch nach dem Konzil zu den Bischöfen, die unsere Kirche konsequent in der Vielfalt aller Getaufter sehen und Strukturen dahingehend verändern. Die Gemeinsame Würzburger Synode ist daher auch nicht nur ein Treffen der Bischöfe, sondern ein offener Austausch mit Vertretern aller Gruppen und Ebenen der Kirche in Deutschland. Es ging Bischof Julius immer um die Verlebendigung und die Vertiefung der sakramentalen Grundverfassung unserer Kirche. Es ging ihm darum, Kirche in ihrer Gesamtheit zu stärken für die Fragen und Nöte der Zeit. Die Mündigkeit aller Getauften nicht nur ins Bewusstsein zu holen, sondern für das Leben der Menschen von heute fruchtbar zu machen, war das Anliegen des Konzils. Das Aggiornamento, das Heutigwerden und die Öffnung der Kirche für unsere Zeit und Welt, war und ist bleibende Aufgabe.

Liebe Schwestern und Brüder,

Gottes Antlitz suchen heißt, auch für uns heute: Wir sind ein Leben lang als Suchende unterwegs, als Menschen, die voneinander lernen und die anerkennen, es geht nur im Miteinander. Gottes Antlitz suchen heißt, auch den andern anerkennen, ja in ihm Züge vom Antlitz Gottes zu erkennen.

Es ist die Erfahrung und das Glaubenszeugnis Julius Döpfners, an den wir uns dankbar erinnern. Kirche ist Volk Gottes unterwegs durch die Zeit. Nicht mit sicheren Antworten und festen Lösungen auf die Fragen und Probleme unserer Zeit, aber mit einer Botschaft, die unsere Hoffnung ist für die Welt. Diese Hoffnung den Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche weiterzugeben ist unsere Aufgabe und dies kann nur gemeinsam gelingen. Dass die Bereitschaft dazu vorhanden ist, zeigen die zahlreichen Eingaben im bisherigen Verlauf des Dialogprozesses. Mit allen Charismen, Fähigkeiten und Kompetenzen, die in unserer Kirche von Würzburg vorhanden sind, müssen wir an der Kirche weiterbauen und sie weiterentwickeln. Und es darf nicht dabei bleiben, diese Vielfalt zu entdecken und zu benennen, sie muss auch fruchtbar werden für das Leben und den Glauben der Menschen. Es geht nicht darum, die Arbeit bzw. die wachsende Mehrbelastung unserer pastoralen Ämter und Dienste auf andere abzuwälzen. Es geht darum den Fähigkeiten und Charismen aller Getauften den angemessenen Raum zu geben.

Ich denke da an den Bereich der Caritas, wo in der Begleitung gerade der Kranken und Sterbenden so vieles bereits eingebracht wird.

Ich denke aber auch an den Bereich der Liturgie, in dem Gottesdienstbeauftragte und viele andere, liturgische Dienste übernehmen, Gottesdienste mit ihren Charismen lebendig und kompetent gestalten. Ich möchte den Bereich der Liturgie mit einem eigenen Hirtenwort zum Advent noch einmal herausheben, wenn wir dann unser neues Gotteslob in den gottesdienstlichen Gebrauch nehmen.

Ich denke aber auch an die in der Verkündigung Engagierten, an die Erzieherinnen und Religionslehrer, an die Familien und Gemeinschaften, wo Glauben geweckt und weitergegeben wird. Und ich denke schließlich an das Leben der Gemeinden vor Ort insgesamt, die nur durch die Kompetenz und die Mitverantwortung vieler weiter lebendig bleiben können. Diesem Ernstnehmen der Fähigkeiten und der Berufung zur gelebten Christusnachfolge geht als Grundlage die Einwurzelung in den Glauben voraus. Unser Heiliger Vater, Papst Benedikt XVI. hat am 10. Oktober ein Jahr des Glaubens ausgerufen, das im Rückblick auf den Konzilsbeginn vor 50 Jahren die Voraussetzungen für eine verantwortungsvolle Mitarbeit aller Getauften und Gefirmten benennt:

Es geht um die Vertiefung unseres Glaubens durch die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift, durch Glaubensgespräche, den bewussten Empfang der Sakramente und die Vertiefung der persönlichen Spiritualität. Ganz besonders liegt mir dabei die Wiederentdeckung des Bußsakramentes in seiner ganzen Vielfalt am Herzen. Der Beginn der österlichen Bußzeit soll gerade hierzu eine Chance sein.

Kirche macht in ihrem Dienst an der Welt Gottes Antlitz sichtbar. Durch das große Engagement der vielen im pastoralen Dienst, besonders aber die große Zahl der Ehrenamtlichen wird hierzu Entscheidendes beitragen. Nur, wenn wir den Ruf zur persönlichen und gemeinschaftlichen Umkehr ernst nehmen, kann echte Erneuerung gelingen.

Es gibt oft noch mehr Möglichkeiten einer aktiven Mitarbeit und Mitverantwortung aller Getauften, als uns bewusst ist. Eine breite Mitarbeit im Rahmen der gültigen kirchlichen Ordnung ist auf einer entsprechenden Vertrauensbasis nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.

Allen, die sich schon seit langem im lebendigen Vollzug kirchlichen Lebens engagieren, sage ich von Herzen Dank und „Vergelt´s Gott.“

Dein Antlitz, Herr, will ich suchen! – Im gemeinsamen Glauben und in der gemeinsamen Verantwortung, für alle, die uns anvertraut sind.

Dazu segne Sie der allmächtige und barmherzige Gott: der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Würzburg, am Fest der Taufe Jesu, 13. Januar 2013

+ Friedhelm, Bischof von Würzburg

 

Verlesen in den Gottesdiensten am ersten Fastensonntag, 17. Februar 2013, im Bistum Würzburg

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